Wege zur klimaneutralen Wärme- und Kälteversorgung im Gebäudebestand

Dekarbonisierung über die Grundstücksgrenze hinaus: Unsere Kolleginnen Rachel Leutgöb und Laura Behrends haben in der Fachzeitschrift immolex untersucht, wie liegenschaftsübergreifende Wärme- und Kältenetze zur Dekarbonisierung des Gebäudebestands beitragen können und welche technischen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen dafür notwendig sind.

Wenn die Einzellösung an ihre Grenzen stößt

Die Dekarbonisierung der Wärme- und Kälteversorgung ist eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende. Gerade im dicht bebauten urbanen Raum stoßen sowohl individuelle Heizlösungen als auch konventionelle Fernwärmenetze an Grenzen.

Für einzelne Gebäude fehlen häufig die notwendigen Flächen für Erdwärmesonden, Grundwasserbrunnen oder zusätzliche PV-Anlagen. Gleichzeitig sind bestehende Fernwärmenetze nicht überall verfügbar oder stoßen bereits an Kapazitätsgrenzen.

Liegenschaftsübergreifende Quartiersnetze können hier eine wichtige Lücke schließen.

Niedertemperatur- und Anergienetze ermöglichen es, erneuerbare Energiequellen mehrerer Liegenschaften gemeinsam zu nutzen. Als Wärmequellen kommen beispielsweise oberflächennahe Geothermie, Grundwasser, Solarthermie, Abwärme oder Umgebungsluft infrage. Wärmepumpen bringen die bereitgestellte Wärme auf das erforderliche Temperaturniveau. Je nach System kann gleichzeitig auch eine effiziente Kälteversorgung ermöglicht werden.

Wärmeversorgung über die Grundstücksgrenze hinweg

Der entscheidende Vorteil solcher Lösungen liegt in der gemeinsamen Betrachtung mehrerer Gebäude: Flächen- und Ressourcenengpässe einer einzelnen Liegenschaft können durch die Einbindung benachbarter Grundstücke überwunden werden. Gleichzeitig ermöglichen größere Anlagen Skaleneffekte und können dadurch die spezifischen Investitionskosten pro Nutzungseinheit reduzieren.

Mit der Ausweitung der Systemgrenzen entstehen allerdings neue Anforderungen.

Neben den technischen und wirtschaftlichen Fragen müssen insbesondere Eigentumsverhältnisse, Servitute, Finanzierung, Betrieb, Abrechnung und langfristige vertragliche Vereinbarungen geklärt werden. Sobald Leitungen oder Anlagenteile über Grundstücksgrenzen geführt werden, braucht es eine dauerhafte rechtliche Absicherung der Nutzung und des Zugangs.

Vier Organisationsmodelle für Quartiersnetze

Der Beitrag stellt vier grundlegende Modelle für die Umsetzung liegenschaftsübergreifender Wärme- und Kältenetze vor:

  • Wärmegemeinschaftsmodell: Eine Energiegemeinschaft übernimmt Errichtung und Betrieb der Anlage.
  • Eigentümermodell: Ein oder mehrere Liegenschaftseigentümer entwickeln, finanzieren und betreiben das Netz.
  • Energiedienstleistungsmodell: Ein externer Energiedienstleister übernimmt Investition und Betrieb und refinanziert diese über langfristige Wärmelieferverträge.
  • Kommunales Versorgermodell: Eine Gemeinde oder ein kommunales Versorgungsunternehmen übernimmt Planung, Investition und Betrieb.

Welches Modell geeignet ist, hängt dabei stark von den lokalen Gegebenheiten, den beteiligten Akteur, der Finanzierungsstruktur und den gewünschten Risiko- und Verantwortungsverteilungen ab.

Erkenntnisse aus der Praxis

Erfahrungen aus bisherigen Dekarbonisierungsprojekten zeigen: Neben einer geeigneten technischen Lösung braucht es vor allem eine treibende Instanz, die das Vorhaben in der Anfangsphase koordiniert. Auch eine ausreichende Wärmedichte, die Qualität des Gebäudebestands und die frühzeitige Klärung rechtlicher Fragen sind entscheidende Erfolgsfaktoren.

Die bisherigen Projekte zeigen zugleich, dass für die gemeinsame Nutzung von Wärmeinfrastruktur auch im bestehenden Rechtsrahmen gangbare Lösungen gefunden werden können. Gleichzeitig bestehen aufgrund der noch überschaubaren Zahl realisierter Projekte weiterhin rechtliche und organisatorische Herausforderungen.

Forschung trifft Praxis

Der Beitrag greift unter anderem Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt DekarboGen auf, in dessen Rahmen Pilotprojekte zur Dekarbonisierung des Wiener Wohngebäudebestands begleitet wurden. Auch Erfahrungen aus dem Projekt HeaTogether fließen in die Auseinandersetzung mit quartiersbezogenen Wärme- und Kältenetzen ein.

Beide Projekte beschäftigen sich mit der Frage, wie lokale und erneuerbare Energiequellen für eine klimafreundliche Wärmeversorgung von Quartieren nutzbar gemacht werden können.

Den vollständigen Artikel: „Wege zur klimaneutralen Wärme- und Kälteversorgung im Gebäudebestand – Dekarbonisierung über die Grundstücksgrenze hinaus“ finden Sie hier.

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